Reclaiming in Deutschland

Seit über 30 Jahren bin ich der Reclaiming Community eng verbunden.

Vom deutschen Reclaiming-Forum wurde ich gebeten, etwas über die alten Zeiten zu schreiben, als Starhawk und Reclaiming nach Deutschland kamen. Es hat einen Riesenspaß gemacht, dieser Aufgabe nachzukommen! Dieser Artikel ist zuerst im deutschen Reclaiming-Forum erschienen (dort mit vielen Fotos!)

RECLAIMING IN DEUTSCHLAND

 Wie alles begann – die ersten 10 Jahre

von Donate Pahnke McIntosh 2018

 Den folgenden Text habe ich auf der Grundlage meiner persönlichen Aufzeichnungen geschrieben. Mein Leben lang hatte und habe ich die Gewohnheit, Ereignisse, die für mich wichtig sind, so genau wie möglich aufzuschreiben. Auf diese Weise habe ich viele dicke Ordner voller Texte, auch über Reclaiming, und ich muss sagen, es macht richtig Spaß, aus dieser Quelle zu schöpfen, um anderen, die nicht dabei waren, etwas ex illo tempore (aus den alten Zeiten) zu erzählen! Natürlich spiegelt dieser Text nur meine eigene, persönliche Sichtweise wider und Andere würden vielleicht ganz anders berichten, das ist unvermeidlich.

Einen herzlichen Dank an Faye und die anderen Hüterinnen des neuen Reclaiming-Forums für die Einladung zur Mitwirkung am Lagerfeuer alter Hexen!

 

1987

Natürlich hatte ich Starhawks Buch Der Hexenkult als Ur-Religion der Großen Göttin gelesen. Aber ich muss gestehen, dass es mich zunächst nicht sonderlich beeindruckte. Es waren die Anfangsjahre der spirituellen Frauenbewegung in Deutschland, und zu dieser Zeit konnte man noch sämtliche verfügbaren Bücher über die Göttin kennen. Nichts im Vergleich zu der Flut an Büchern späterer Jahre! Starhawks Buch war für mich erstmal nichts weiter als “noch so’n Wicca-Buch”, ziemlich Gardner-orientiert, fand ich. Wir feierten in dieser Zeit schon regelmäßig Rituale, aber niemals wären wir auf die Idee gekommen zu sagen: “Heil euch, Wächter der Türme im Osten!” Wieso Türme? Wieso Wächter? Und überhaupt, in Deutschland “Heil!” zu rufen, hätten wir voll daneben gefunden. Ich ließ das Buch also zunächst links liegen. Erst Monate später ging mir auf, was für einen Schatz an Übungen und Anleitungen es enthielt.

Ich war schon seit langem auf der Suche nach “meiner” spirituellen Tradition. Eine ganze Reihe von Göttinseminaren, Hexenworkshops und matriarchalen Jahresfesten hatte ich besucht, aber es war nie das Richtige dabei gewesen. Vieles war schön, manches ziemlich furchtbar, aber nicht ein einziges Mal war ich mit dem Gefühl nach Hause gefahren, spirituell satt geworden zu sein.

Das änderte sich, als ich Starhawk im Mai 1987 persönlich kennenlernte. Es war ihr erster Workshop in Deutschland, organisiert von der Analytikerin Barbara Gissrau und dem Arkuna-Zentrum in Stuttgart. Meine Teilnahmebestätigung habe ich aufbewahrt: 22.-24.05.1987, 250 DM – so waren die Preise damals!

Die Unterkunft war inklusiv, es standen Matratzen und Matten im Arkuna-Seminarraum zu Verfügung, Schlafsack musste man mitbringen. Ich hatte Glück: Als ich ankam, waren alle Schlafplätze schon vergeben und ich durfte in Barbaras Sprechzimmer auf der Klientencouch schlafen, was sehr bequem war. Wir waren eine fröhliche Gruppe von Frauen in Aufbruchsstimmung: Die Göttinbewegung war ja noch ganz neu und frisch, und jetzt sollte es also losgehen mit der Hexenreligion in Deutschland! Ich bin dem Arkuna-Zentrum und vor allem Barbara Gissrau unendlich dankbar dafür, dass sie dieses initiale Zeichen gesetzt haben. [Später wurden Barbara und ich dann enge Freundinnen, haben viel miteinander unternommen, und als sie 2008 starb, leitete ich auf ihren eigenen Wunsch die Trauerfeier.]

In diesen Workshop brachte Starhawk schon alles mit, was für Reclaiming so typisch war und noch immer ist: Viele Lieder, hervorragende Übungen, fundierte thealogische Unterweisung, tiefe Trancearbeit und sehr viel Humor! Schon nach kurzer Zeit wusste ich, dass ich “meine” Lehrerin gefunden hatte.[1]

Und dies waren die Lieder, die wir sangen:

  • Heilige Jägerin Artemis
  • Luft ich bin
  • Göttin, komm zu uns
  • Ich bin ein Kreis, ich heile dich
  • Sie wandelt alles, was sie berührt
  • Alte Mutter, ich hör’ dein Rufen

Das Tönen, Singen und Chanten habe ich von ganzem Herzen genossen. Endlich, endlich gab es passende Ritualmusik! Danach hatte ich lange gesucht.[2]

Wir lernten alle Grundlagen, die auch heute noch im Reclaiming-Ritual praktiziert werden: Die Erdung, das Kreisziehen, die Anrufungen (zu meiner Erleichterung übrigens völlig ohne Heil!, Wächter und Türme), die Bedeutung der Trancearbeit. Übrigens hieß es damals noch “Im Namen der Erde, die ihr Körper ist”. Die Umformulierung zu “Bei der Erde, die ihr Körper ist” wurde erst in späteren Jahren vorgenommen.

Witzigerweise stellte sich auf diesem Workshop heraus, dass Starhawk ganz kurz darauf einen weiteren Workshop in Deutschland halten würde. Wo? In Bremen! Meiner Heimatstadt! Ich konnte es kaum fassen, und natürlich meldete ich mich sofort an.

Schon zwei Wochen später sahen wir uns in Bremen wieder. Starhawks Gastgeberin Salima, die den Workshop organisiert hatte, brachte sie zu einem Besuch bei mir, und bei Kräutertee und Kaminfeuer entwickelte sich das erste von vielen langen, tiefgehenden Gesprächen über die Göttin, die pagane Welt und die Reclaiming-Community. Diesem Gespräch sollten in den darauffolgenden Jahren noch viele weitere folgen.

Der Bremer Workshop lief vom 5.-7. Juni 1987. Im Unterschied zum Stuttgarter Workshop war er auch offen für Männer (wir waren ca. 20 Frauen und 6 Männer). Zwei Dinge sind mir besonders im Gedächtnis geblieben: Die Ermutigung zur Freiheit im Ritual und die beeindruckende Professionalität, mit der Starhawk eine Gruppenkrise managte.

Zur Freiheit im Ritual sagte Starhawk:

“Ich werde euch einiges vorschlagen zu tun, aber wenn es sich für euch nicht richtig anfühlt, dann lasst es. Rituale werden erst interessant, wenn ihr das, was in euch ist, herauslasst. Einige sind geborene Schauspieler: umso besser, sie liefern gute Unterhaltung für die anderen. Andere sind eher introvertiert, das ist auch gut, sie helfen die Energie zu zentrieren und zu halten. Im Ritual bekommst du vielleicht Impulse, etwas zu tun. Tu was du willst, auch wenn niemand anderes es tut, auch wenn Starhawk nicht dazu aufgefordert hat, es zu tun. Sag der inneren Meckerstimme shut up. Und wenn du Hilfe brauchst, sag es.”

Ich empfand diese Worte als große Erleichterung, nachdem ich teilweise in anderen Workshops recht bittere Erfahrungen mit der strengen Forderung nach unkritischem Sich-einfügen gemacht hatte. Wie wunderbar, ein großes Stück Handlungsfreiheit zu bekommen! Allerdings sollte sich dann herausstellen, dass solche Freiheiten auch missbraucht werden können. Das Problem in diesem speziellen Fall waren die Männer. Sei es aus Gewohnheit, sei es, weil ihnen die zahlenmäßige Unterlegenheit in der Gruppe zu schaffen machte, sei es, weil sie der Gelegenheit zur Selbstdarstellung nicht widerstehen konnten: Die Männer nervten ohne Ende. Wurde die Gruppe aufgefordert zu tönen, brüllten sie wie röhrende Hirsche. Bei jeder Übung mussten sie sich lautstark hervortun. Auch die Trancearbeit wurde immer wieder durch ihr lautes Verhalten gestört. Sie dominierten die Gruppenenergie in einer Weise, die tiefes Arbeiten unmöglich machte.  In vielen Frauen staute sich ein Zorn auf, der nicht verborgen bleiben konnte. So konnte es nicht weitergehen, und ich war gespannt, wie Starhawk damit umgehen würde. Was sie dann tat, war genial.

Sie forderte uns auf, uns in zwei Reihen gegenüberzustellen: hier die Frauen, dort die Männer. Die Frauen riefen den Männern zu, was sie an deren Verhalten kränkte, störte, belastete, und welche Folgen es für sie hatte. Die Männer antworteten teilweise mitfühlend, überwiegend aber beleidigt, gekränkt, zynisch, verteidigend, konfus. Es gab keinerlei Verständigung. Auf Anordnung von Starhawk durften dann ausschließlich die Frauen sprechen, die Männer durften nur zuhören. Es war dramatisch, die Reaktionen der Männer zu beobachten. Einige liefen knallrot an, andere wurden ganz blass. Danach waren die Männer dran und die Frauen mussten schweigen. ABER: Die Männer durften keine Worte benutzen, sondern mussten sich ausschließlich mit Körpersprache ausdrücken. Die normale Ordnung war auf den Kopf gestellt: Die Frauen hatten das Sagen und die Männer waren auf ihren Körper reduziert. Keine ihrer üblichen Verhaltensweisen war mehr möglich, weder Angriff noch Verteidigung. Sie waren auf sich, ihre Gefühle und ihren Körper zurückgeworfen. Das hatte wiederum den Effekt, dass die Frauen wirklich zu”hörten”. Die Energie verwandelte sich: Sie wurde ruhiger, weicher und offener. Viele in der Gruppe weinten, Frauen wie Männer.

Was dann kam, verblüffte mich noch mehr. Starhawk trat zu mir und fragte mich, was meiner Meinung nach jetzt passieren sollte. Vielleicht war für sie die Gruppenenergie schwerer zu lesen, weil sie die deutsche Sprache nicht verstand? Ich war überrascht und berührt, dass sie mich fragte, und antwortete, was mir spontan einfiel: “Wir sollten etwas Sanftes, Zentrierendes und Heilendes tun.” So geschah es. Wir taten uns in vier kleinen, stehenden Kreisen zusammen, drei Frauenkreise und ein Männerkreis. Wir legten die Arme umeinander, atmeten, weinten, tönten zusammen, wiegten uns, streichelten uns. Nachdem sie uns dafür viel Zeit gelassen hatte, griff Starhawk zur Trommel und trommelte uns in einen freien, wilden Tanz hinein, der am Ende sehr laut und ekstatisch wurde. Mit dem Schweiß lief jeder Rest von Anspannung aus uns hinaus. Dann sammelte uns Starhawk in einen Spiraltanz zu dem Lied Wir sind ein Kreis in einem Kreis. Der Tanz endete in einem großen Kraftkegel, der von einer ruhigen Erdung gefolgt wurde. Danach ging’s uns allen besser.

Zum ersten Mal hatte ich erlebt, wie sich eine konflikthafte Kreisenergie in einen anderen, besseren Zustand transformieren ließ, ohne dass es Sieger und Verlierer gab. Ich habe diese Lektion nie vergessen und mich in manch einer späteren schwierigen Situation daran erinnert.

 

1988

Der große Erfolg des Stuttgarter Workshops und die starke Nachfrage nach mehr Reclaiming-Angeboten veranlasste das Arkuna-Zentrum, etwas richtig Großes zu wagen. Sie schrieben zwei direkt aufeinander folgende Reclaiming-Frauenworkshops für eine große Teilnehmerinnenzahl aus und mieteten dafür die Burg Stettenfels in der Nähe von Heilbronn an.

Die Workshops fanden vom 30.06.-03.07. und vom 03.-06.07.1988 statt und konnten einzeln oder komplett besucht werden. Ich buchte natürlich beide!

Am ersten Teil nahmen ca. 75 Frauen teil, am zweiten ca. 10.

Es gab eine Neuerung: Starhawk brachte als Co-Referentinnen drei Frauen aus ihrem damaligen Coven (Compost-Coven) mit:  Rose Maydance, Pandora O’Mallory und Carol McAnnally. Das fünfte Coven-Mitglied Cybele konnte leider nicht mitkommen, sie kam aber in späteren Jahren zu Workshops nach Europa.

Der Unterricht und die Struktur der Workshops hatte schon sehr viel Ähnlichkeit mit der Struktur von Reclaiming-Witchcamps: Es gab jeweils zwei Vormittagsgruppen (im Witchcamp hätten sie Pfade geheißen): Im ersten Workshop waren es die Elements-Gruppe für Anfängerinnen und die Mysteries-Gruppe für Fortgeschrittene. Im zweiten Workshop hießen sie Rites-de-passage-Gruppe für die Neueren und Outdrawing Spiral für die Fortgeschrittenen. Die Abendrituale feierten alle gemeinsam. Es unterrichteten immer zwei Lehrerinnen zusammen in einer Gruppe, es wurde mit mythischen Geschichten gearbeitet, und für die Zwischenzeit taten sich die Teilnehmerinnen zu Bezugsgruppen (affinity groups) zusammen, die sich einmal am Tag zum Austausch trafen.

Es ist unmöglich, alles zu schildern, was in diesen wundervollen, magischen Tagen passierte! Es war wie ein Fanfarenstoß für die spirituelle Frauenbewegung: Ritualarbeit auf höchstem Niveau, tiefgehende persönliche spirituelle Erfahrungen, kombiniert mit dem individuellen und kollektiven Blick auf die politischen Zustände in unserem Land und in der Welt. Healing ourselves, healing the earth war das Motto.

Einige Dinge in der magischen Arbeit haben mich besonders bewegt und beeindruckt:

  • Es gab eine fantastische Chakrenreinigung, geleitet von Rose. Zum ersten Mal spürte ich, wie es sich anfühlt, wenn alle Chakren gesäubert und ganz frei und durchlässig sind. Mit einem Augenzwinkern lese ich in meinem Tagebuch: “Es war ein Gefühl wie einer dieser seltenen, unglaublichen Orgasmen, die scheinbar nie aufhören.” Ein sehr einprägsames Gefühl, auf das ich dann später in meiner Tantra-Ausbildung gut aufbauen konnte.
  • Die Trance-Übungen, die wir machten, waren eine Offenbarung. Übungen zur Zentrierung, zum Schutz der Aura, zur Regulierung von Geschütztheit und Öffnung, zum Erspüren der Göttin in uns (ohne gleich überzuschnappen), zur Kreation eines persönlichen Symbols unserer eigenen, zentrierten Power, erste Übungen zum Aspektieren. Ganz neu für die meisten waren die Richtlinien zum Durchführen einer ungeleiteten Gruppentrance mit ca. sechs Teilnehmerinnen, die sternförmig auf dem Boden lagen, die Köpfe zur Mitte: Wie die Gruppe verortet und geerdet sein muss, welche Techniken es gibt für die Krähe (die dafür sorgt, dass das Ziel nicht aus den Augen verloren wird) und die Schlange (die über die Energien wacht und insbesondere darüber, dass keine zu viel oder zu wenig sagt oder zurückbleibt), wie die Gruppe in die Trance hinunter und am Schluss wieder hinauf kommt, und vieles mehr.
  • Wir lernten zwei magische Zaubersprüche:By all the powers of three times three,
    by earth and air and fire and sea,
    this spell bound around shall be,
    to cause no harm nor turn on me.
    As I so will, so mote it be.Now let the power pass from me
    to where it was begun.
    Chant the spell and be it done.
    As I so will, so mote it be
  • Unvergesslich ist auch das Ahnen-Ritual zum Thema der in Deutschland ermordeten Juden und Hexen. Es war Starhawk anzumerken, wie sehr sie dieses Thema berührte und wie schwierig es für sie war, sich als Jüdin und Hexe diesem Thema in Deutschland zu stellen. Sie selbst und viele andere im Kreis weinten. Dann leitete Rosie eine unvergessliche Trance zur Reinigung und Transformation, die uns half, diesem Thema mit Erdung zu begegnen.Im Abendritual machten wir eine weitere, noch sehr viel tiefer gehende Trance, in der jede in Kontakt mit ihren eigenen Ahnen gehen konnte. Ich ging nicht sehr tief mit, weil mir zu diesem Zeitpunkt ein Kontakt mit meinen eigenen Ahnen noch zu unheimlich war. Stattdessen nahm ich sehr bewusst wahr, wie die vier Lehrerinnen miteinander und dem Kreis umgingen. Ich war tief beeindruckt einerseits von der Professionalität, in der sie zusammen das Ritual leiteten, und andererseits von der Liebe und Sensibilität, die sie inmitten dieser hundert Frauen, für die sie verantwortlich waren, auch füreinander zeigten. Wie sie füreinander sorgten, einander trösteten und unterstützten. Ich hatte noch nie etwas so Schönes, einen solchen Zusammenklang in gemeinsamer Arbeit erlebt wie diese vier Frauen an diesem Abend. So etwas war für mich bisher nur eine Utopie gewesen, aber jetzt erlebte ich, dass es möglich und realisierbar war! Ich war total überwältigt und es war nicht zuletzt dieses Erlebnis, das mir den Impuls für die Gründung des deutschen Witchcamps gab. So etwas sollte es bei uns auch geben! – Die Ahnenrituale wurden zu einem späteren Zeitpunkt im Plenum ausführlich besprochen und es gab viel Zeit für Fragen und Antworten. So ließ sich vieles erklären und integrieren.
  • Eine letzte Trance möchte ich noch erwähnen: das Ritual, in dem ich (zum ersten und einzigen Mal) die Erfahrung machte, total auszutrancen. Die Bezugsgruppen bekamen den Übungsauftrag, miteinander auf die Weise, die wir gelernt hatten, in Gruppentrance zu gehen. Den Ort, das Thema und die Art der Durchführung konnten wir selbst bestimmen, wir mussten uns nur an die Regeln halten. In der Tiefe der Trance passierte mir etwas faszinierend Schreckliches: Ich verlor die Gruppe. Die Bilder, die Gefühle, die Körpersensationen, die Energie, die mich wie Meeresrauschen durchflutete, waren so stark und so euphorisierend, dass ich mich dem Geschehen einfach überließ, meine Erdung verlor und einfach “wegschwamm”. Zum Glück merkten es die anderen und konnten mich wieder einfangen. Nach dem Ende der Trance hatte ich noch lange das quälende Gefühl, energetisch völlig überladen zu sein, und es brauchte viel Zeit und Unterstützung, wieder ins Gleichgewicht zu finden. Diese Erfahrung habe ich nie vergessen und habe mir als Merksatz hinter die Ohren geschrieben: Wenn du richtig abheben willst, dann brauchst du gute Erdung!

Ich könnte noch endlos weiterberichten aus diesen Tagen, die für viele von uns wie eine Initiation in die Reclaiming-Arbeit waren. Aber es sollte ja schon bald weitergehen.

 

1989

 Pandora und Carol (die übrigens zu jener Zeit ein Paar waren) kamen nach Deutschland und gaben Workshops an verschiedenen Orten in Niedersachsen, teils für Frauen allgemein, teils nur für Lesben. Die Organisation lag bei Liz Shipley und Sarah Jansen. Ich selbst nahm am Intensivkurs Frauenmagie vom 24.-27.07.1989 in Dransfeld teil, in dem wir mit nordischen Göttinnen arbeiteten und Masken für “unsere eigene” Göttin herstellten. Sehr spannend war es auch, dass in den Workshop die Dransfelder Megalithen einbezogen wurden.

 

1990

Die Arkuna-Frauen, beflügelt vom großen Erfolg des ersten Workshops in Stettenfels, organisierten am gleichen Ort nochmals eine große Veranstaltung:

Frauengeschichten – Frauenheilung mit Starhawk und Pandora

vom 05.-10.06. auf der Burg Stettenfels.

Das Thema des Workshops war Priesterinnenarbeit, d.h. wir lernten Techniken und Methoden der Ritualleitung. Besondere Schwerpunkte lagen auf der Energielenkung im Ritual und auf der Tranceleitung. Wir erfuhren, was die Aufgaben von Sprecherinnen, Trommlerinnen, Energieüberwacherinnen usw. in der Trance sind. Wer es noch nicht kannte, wurde in den Grundrhythmus des Ritualtrommelns eingeführt: 1-2-3 1-2-3 1-2 oder auch (mit einem Augenzwinkern) Opapa Opapa Oma.

Natürlich gab es neben der theoretischen Unterweisung auch eine Vielzahl von praktischen Übungen, und gleich das erste Abendritual wurde von uns Teilnehmerinnen (unter Anleitung) geplant und durchgeführt. Starhawk schlug vor, dass ich die Trance leiten sollte, und ich war sooo aufgeregt! Aber zum Glück waren ja die Lehrerinnen anwesend und konnten helfen, falls es ein Problem gab. Alles lief gut. So leitete ich meine erste Trance für eine sehr große Gruppe, ein tolles Erlebnis.

Was mich in diesem Workshop ebenfalls sehr beeindruckte, waren die Übungen zum narzisstischen Größenselbst und zum Minderwertigkeitsselbst (inflated – deflated self). Die damit verbundenen Techniken habe ich seitdem für mich immer weiter vertieft und oft mit Gruppen angewendet.

Besonders intensiv habe ich das letzte Abendritual erlebt, in dem Starhawk und Pandora alles bisher Erarbeitete zusammenführten und zugleich eine Situation erschufen, in der jede von uns, die wollte, eine Art Selbstinitiation durchführen konnte. Hier gab es viele feierliche, fröhliche und tief berührende Momente. Für mich, die ich zu der Zeit schon initiierte Mondpriesterin war, vertiefte sich durch die Initiation in die Mysterien der Göttin, unter der sicheren und einfühlsamen Betreuung der Lehrerinnen, das Verhältnis zur Göttin auf wunderbar tiefe und magische Weise.

Zu Hause habe ich mir dann eine Kette gemacht, meine Priesterinnenkette, die ich bis heute in fast jedem Ritual trage.

 

Soweit mein Bericht über die magischen ersten Anfangsjahre von Reclaiming Deutschland.

Wie ging es weiter?

Die beiden großen Stettenfels-Workshops hatten wie eine Initialzündung gewirkt.

Es fanden eine ganze Reihe weiterer Workshops mit amerikanischen Lehrerinnen sowie auch verschiedene Reclaiming-Treffen ohne Lehrerinnen statt.

Besonders erwähnen möchte ich den Workshop mit Pandora und Carol in Traidendorf (Bayern). Er lief vom 06.-14.06. 1992 unter dem Titel Kurse in Frauenmagie und beschäftigte sich mit den Mysterien des Tarot. Dieser Workshop wurde zur Geburtsstunde des Reclaiming-Frauennetzwerks Der grüne Faden, später umbenannt in Gespinnst, das sich seitdem regelmäßig traf, um gemeinsam Magie zu weben.

1994 trafen sich viele von uns in zwei Workshops mit Starhawk wieder: Der erste fand im Kalkwerk in Neresheim statt, organisiert von Ingeborg und Reinhard, und der zweite in Dachau, organisiert von Chrystal und Maureen von Kalia. Das Kalkwerk und Kalia organisierten in den darauffolgenden Jahren noch eine Menge weiterer Reclaiming-Workshops, an denen teilweise auch Starhawks Ehemann David Miller mitwirkte.

 

1996

Dieses Jahr war für die deutsche Reclaiming-Community von besonderer Bedeutung, denn es war das Geburtsjahr des deutschen Reclaiming-Witchcamps!

Organisiert wurde es von mir, in Zusammenarbeit mit Anna Beeckmann. Es fand im Hof Oberlethe in Wardenburg statt und wurde ein Riesenerfolg. Auch alle nachfolgenden Camps bis 2006 fanden in Oberlethe statt. Das Haus war optimal für unsere Zwecke geeignet: Jede Menge schönster Plätze drinnen und draußen, Unterkunftsmöglichkeiten für jeden Geschmack (vom Zelt auf der Wiese bis zum Einzelzimmer mit Bad) und mit einem Haus-Team, das uns jeden Wunsch von den Augen ablas. Nicht zu vergessen die vorzügliche Küche.

Aufgrund der überwiegend negativen Erfahrungen, die wir mit Männern im Ritual gemacht hatten, und der wunderbaren Erfahrungen in den Arkuna-Workshops starteten wir das Camp als reines Frauencamp – das einzige Witchcamp nur für Frauen, das es in der Reclaiming-Geschichte je gegeben hat.

Ich wünschte, ich könnte über unser Witchcamp, das später den Namen Feencamp bekam, genauso ausführlich erzählen wie über die frühen Anfangsjahre, aber das würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Es waren wunderbare, intensive Jahre, in denen wir sehr viel lernten, sehr viel Spaß hatten und eine große spirituelle Intensität erlebten. Ich habe zu Hause ein dickes Fotoalbum mit Witchcamp-Fotos, aber leider kann ich, da auf den meisten Fotos Teilnehmerinnen zu sehen sind, aus Datenschutzgründen hier nur einige wenige einfügen.

Nach jedem Camp wurde ein Camp-Reader hergestellt, mit Berichten und Fotos von Teilnehmerinnen und Lehrerinnen. Darin zu blättern ist bis heute ein großes Vergnügen!

 

1998

Ein Camp möchte ich aus zwei Gründen besonders hervorheben: Das Baba-Yaga-Camp von 1998. Bevor das eigentliche Camp startete, gestaltete das Team unter Starhawks Anleitung ein Rasenlabyrinth. Es wurde während des Camps von vielen Frauen benutzt und fand auch in einem der Abendrituale Verwendung. Der Hof Oberlethe freute sich riesig über das Labyrinth und hat es bis auf den heutigen Tag (!) erhalten und gepflegt.

Der zweite Grund, warum ich dieses Camp besonders erwähne, ist, weil es für mich persönlich eine besondere Bedeutung hatte: Hier habe ich nämlich zum ersten Mal mit Starhawk gleichberechtigt als Co-Teachers unterrichtet! Wir leiteten einen der Pfade zusammen. Und in der Talent Show (dem Spaßabend des Camps) waren wir das Team Baba and Yaga, Couple Counselors.

In demselben Jahr verbrachte ich zur Halloweenzeit einige Wochen in Starhawks Haus in San Francisco. Ihr neues Buch The Pagan Book of Living and Dying war im Jahr zuvor erschienen, und ich musste lachen, als ich ihre Widmung in meinem Exemplar sah:

For Donate, With love from Baba to Yaga – or Yaga to Baba!

In der magischen Arbeit dieses Camps machte ich eine ganz besonders tiefe Trance-Erfahrung: In einem der großen Abendrituale fiel mir die Aufgabe zu, Baba Yaga zu aspektieren. Eine überwältigende Erfahrung. Auf vielfachen Wunsch habe ich darüber hinterher einen Bericht für den Camp-Reader geschrieben. Vielleicht ist es für LeserInnen, die das Feencamp nicht miterlebt haben, interessant, auf diese Weise einen kleinen Einblick in unsere magische Arbeit zu erhalten. Deshalb füge ich den Bericht am Ende dieses Artikels an.

Zum letzten Mal feierten wir das Feencamp im Jahr 2006.

Ab 2007 gab es dann das Phönix-Camp, das heute in Cassandras Sternschnuppe in Oldenbüttel stattfindet.

 

Und hier mein Bericht über das große Baba-Yaga-Ritual

 Aspecting Baba Yaga

von Donate 1998

Einige Frauen haben mich im Camp und später auf meine Erfah­rung des Aspek­tierens der Baba Yaga angesprochen. Nach anfänglichem Zögern habe ich die­sen Bericht geschrieben, auf der Grundlage meiner Tage­buchnotizen vom Camp und aus der Erinnerung. Vielleicht habt ihr ganz ähnliche Eindrücke und Er­innerungen von diesem Ritual, vielleicht ganz andere. Es war für mich ein sehr persönliches und tiefgreifendes Erlebnis, und ich teile es mit euch, weil ich glaube, dass der Austausch unserer Erfahrungen und Refle­xionen ein wichtiger Schritt ist, unsere Witchcamp-Gemeinschaft zu vertiefen und le­bendig zu erhalten.

Im letzten großen, vom Lehrerinnen-Team geleiteten Abendritual des Witch­camps in Oberlethe soll die Baba Yaga aspektiert wer­den, d.h. ihre Energie soll sich des Körpers und des Wesens einer lebenden Frau bedienen, um ihre Präsenz im Ritual kol­lektiv erlebbar und kommunizierbar zu machen. Die mei­sten von uns sind gewohnt, an die Baba Yaga als eine Schreckensgestalt zu denken. In den Geschichten ist sie die Schwarze, Grausame, die Menschen tö­tet und ihre Schädel auf den Gartenzaun spießt, damit das schaurige Licht, das daraus leuchtet, alle Unwürdi­gen abschreckt. Von der Baba Yaga ins ei­gene Feuer initiiert zu werden, bedeutet große Risiken auf sich nehmen zu müssen, schwierigste Aufgaben lösen zu müssen und bereit zu sein, die ganze Existenz, ja sogar das eigene Leben dafür aufs Spiel zu setzen.

Ich bin fasziniert von dem Gedanken, dass diese Gestalt, über deren Aspekte ich zusammen mit Starhawk eine ganze Woche lang in einer der Morgengruppen unterrichte, nun in einer bisher noch nicht erlebten Weise im Ritual gegen­wärtig sein soll. Ich habe keinen Zweifel daran, dass Starhawk sie selbst aspek­tieren wird, weil ich weiß, dass sie dies in früheren Witchcamps in Ame­rika auch so gehalten hat. Es ist ein regelrechter Schock für mich, als sie mir vier Tage vor dem Ritual die Frage stellt, ob ich das Aspektieren machen will. (Es ist eine die­ser typischen Lehrerinnenfragen, die dir trotz ihres höflichen Tons das Blut in den Adern gefrieren lassen, während dein Magen anfängt, Fahrstuhl zu fahren.) Vierundzwanzig Stunden schwanke ich zwischen Angst und der Lust, diese Herausforderung anzu­nehmen, bis letztere siegt. Ab diesem Moment denke ich, neben all den laufenden Tätigkeiten, an nichts anderes mehr als an Sie-die-das-Feuer-gibt. Stimme mich ein auf ihr Wesen, öffne mich ihr in Meditationen und Träumen.

Es ist ein großes Glück und ein wunderbares Geschenk der Göt­tin, dass Bar­bara, die an der Yaga-Gruppe teilnimmt und deren künstlerische Fähig­keiten ich kenne, sich nicht lange bitten lässt, mir bei der Maske zu hel­fen. (Ich selbst hatte beim Basteln schon immer zwei linke Hände, und die zittern nun auch noch.) Zehnminutenweise stehlen wir uns die Zeit aus dem übervollen Ter­­minplan, aber Barbara ist ein Genie und die Maske wird recht­zeitig fer­tig und sieht genauso aus, wie ich es wollte: ein Gorgonenhaupt mit Schlan­gen­haaren und dem großen gelben Auge der Yaga mitten auf der Stirn. Dar­un­ter werde ich Schleier tragen, die den Kopf verhüllen. Damit auch der komi­sche Aspekt der Yaga nicht zu kurz kommt, schmücke ich meine Jacke mit einer großen schwarzen Jahrmarktspinne und ei­nem gerupf­ten Gummi­huhn aus der Küche (ein Anklang an die tanzenden Hühnerbeine des Yaga­hauses). Sogar einen echten Totenkopf undefinierbaren Ur­sprungs entdecke ich, den ich in der Hand halten will.

Je näher das Ritual rückt, umso gelassener werde ich. Noch nie bin ich beim Aspektieren so gut begleitet worden. Da ist Star­hawk, die auf unseren lan­gen Spaziergän­gen meine Fragen beantwortet, aus ihrer eige­nen Erfahrung mit der Baba Yaga erzählt und mir Unterstützung und energetischen Halt ver­spricht. (Schließlich macht es einen Unterschied, ob du deine persönliche Lieb­lingsgöttin aspektierst oder ein “Monster” wie die Yaga.) Da ist Johan­na, die während des ganzen Rituals nur für mich zustän­dig sein wird, um die eventuell geäußerten Worte der Yaga zu übersetzen. (Viel­leicht wird die Yaga spre­chen, vielleicht nicht – manchmal bleibt das Aspektieren völ­lig stumm.) Da ist Liz, die das gesamte Ritual ankern wird. Da ist Grove, die im Ritual die Baba Yaga formell in mich hineinrufen wird, und da ist Mar­ti­na, die am Ende Grove helfen wird, mich bei der Entlassung der Yaga zu un­ter­stützen. Es ist genau diese liebevolle Fürsorge der Team­frauen für­ein­an­der, die mir die Reclaiming-Arbeit so kost­bar macht und die ich so nirgend­wo anders je gefunden habe.

Als der Augenblick im Ritual gekommen ist, in dem ich Grove meinen Schmuck und alle persönlichen Gegenstände übergebe, da­mit sie sie für mich hütet, während ich mich für die Yaga frei mache, überfällt mich für einen Moment noch einmal das Unbeha­gen, eine Kraft zu aspektieren, die ich mir freiwil­lig nie ausgesucht hätte. Aber dann siegen mein Skorpi-Naturell und die Dis­ziplin der Priesterin (nur im Ritual nenne ich mich Priesterin, nie außerhalb), und ich spüre das vertraute Ge­fühl des Fortfließens meiner eige­­nen Energie, während Grove die rituellen Einsetzungsworte spricht und ich die Yaga-Klei­dung und Maske anlege. Heute Abend werde ich mich ganz leer machen, im Gegensatz zu sonstigen Workshopsituationen, in denen wir uns normalerweise auf etwa fünfzig Prozent beschrän­ken. Ich habe mir an­ge­wöhnt, beim Aspektieren meine eigene En­ergie in eine silberne Mondschale zu geben, die die Erde in ihrem Schoß für mich hü­tet, und jetzt spüre ich, wie die Schale sich mehr und mehr füllt, während sich mein Herz und meine Sinne auf Baba Yaga einstimmen.

Ich sitze auf einem Stuhl und sinke tiefer in Trance. Die Stimmen und Ge­räu­sche um mich her ver­schwimmen, werden zu einem verschlungenen akusti­schen Muster, bleiben aber klar differenzierbar. Ich lasse mich von Carols weicher dunkler Stimme tragen. Zu meiner eigenen Überraschung beginne ich, spontan eine Technik einzusetzen, die ich in den letzten Jahren neu gelernt und in­tensiv geübt habe. Es geht dabei darum, selbst in sehr tiefer Trance in verbalem Austausch mit jemand anders zu bleiben. Diese Technik, die für mich zum Schwierigsten gehört, was ich je im mentalen Bereich gelernt habe, prak­­tiziere ich zu Hause mit einer Begleiterin, die in genialer Weise psy­cho­­ana­lytisches Know-how mit imaginativer Intuition verbindet und die mir hilft, in Trance bestimmte Aufgaben zu lö­sen. Jetzt setzt die­se Fähigkeit automa­tisch ein, und so bleibe ich über das Ohr in Kontakt mit dem Kreis. (Die Medizin sagt, das Gehör sei der ursprünglichste der fünf Sinne, wes­halb es u.U. selbst in der Narkose oder im Koma wei­ter­ar­bei­ten kann.)

Dann entsteht ein Rauschen, und ich spüre die An­kunft und das Ein­­drin­gen der Yaga in meinen Innenraum wie einen heftigen Schlag. Ich neh­me die Yaga wie eine dun­kle, sehr machtvolle Urgewalt wahr, die nicht viel mit den gän­gigen Klischees über die schwarze Göttin zu tun hat. Sie er­scheint mir di­rek­­ter, härter und auf eine fast beängsti­gend konzentrierte Weise real. Ich spü­re sie als die Kraft der Nacht, und es wundert mich nicht, dass sie mir die Worte der Regen­trude eingibt: “Nimm dich in acht, eh du erwacht, holt dich die Mutter heim in die Nacht.”

Ich treibe dahin. Sitze, gehe, stehe, höre, spreche. Während Hörsinn und Stimme ein irgendwie selbständiges Eigenleben füh­ren, übergebe ich mein ganzes Wesen Ihr-die-aus-der-Nacht-spricht. Spüre sie in meinem Atem, in meinen Chakren, in meinen Händen und Füßen. Als der Sog ihrer Präsenz immer stärker und fordernder wird, schaltet sich mein “beobachtendes Selbst” ein (jener Seelenanteil, von dem die Psychologie sagt, dass er im­mer ge­genwärtig und aktiv sei) und mahnt mich, auf meine Er­dung zu achten. Gerade als ich glaube, meine Wurzeln gut zu spüren, ergreift mich eine riesige Faust und zieht mich aus dem Körper heraus. Ich kann nicht sagen, wohin sie mich zieht, noch, wieviel Zeit vergeht. Ich fühle mich heiß und kalt zugleich, durchgeschüttelt und fast zerberstend vor übermäch­tigen Ener­gieströmen in mir und um mich herum. Feuer, Feuer, Feuer!

Meine Erinnerung setzt wieder ein, als ich mich im Kreis ste­hen spüre, um mich herum eine Kakophonie bewegter Stimmen, eine Trommel, ein Ton, ein Lied. Ich erkenne Starhawks Stimme und fühle, dass mir Tränen über das Ge­sicht laufen. Meine Knie ge­ben nach und ich muss mich setzen. Es braucht lange Zeit, bis ich mich gefangen habe. Als mein Atem wieder ruhiger geht, verziehen sich auch die Schleier vom Gehör und ich kann den Kreis wieder akustisch so deutlich wahrnehmen wie am Anfang des Rituals. Die Trance ist jetzt auf eine leichtere Ebene ge­stiegen, und als der Zeitpunkt der Ver­trei­bung aus dem Yaga­haus kommt, lasse ich dem energetischen Prickeln und Brausen in mir freien Lauf. “Raus, raus!” Das Gebrüll der Yaga ist wie eine Erlösung aus der vibrierenden Starre, die die unerklärli­che Zeit des Black­out in mir hinterlassen hat.

Die Frauen sind fort, vertrieben. Ich bin allein auf dem Ritu­alplatz, ge­schüttelt von den Nachwirkungen des Geschehens. Nein, nicht allein. Grove und Martina sind da und, gesegnet seien sie, haben etwas zu trinken mitge­bracht. Sie nehmen mir die Maske und die Yaga-Kleidung ab, reiben mir die Hände, be­rühren mich, sprechen zu mir. Als ich in der Lage bin, ihnen zu antworten, spricht Grove die Devokationsworte, bedankt und entlässt die Yaga mit einem lauten Schrei. Dann hält sie mich in ihrem Schoß, unterstützt mei­nen Atem, gibt mir zu trinken, und schließlich unter­zieht sie mich der ri­tu­ellen Prüfung, durch die ich beweisen muss, dass die aspektierte Kraft mich verlassen hat und ich wieder ich selbst bin. Ein Teil der Prüfung be­steht darin, mindestens fünf Unterschiede zwischen mir und der Yaga zu be­nennen. Ich fühle mich völlig überfordert, noch nie ist mir diese Prüfung so schwer gefallen. Dann bin ich richtig stolz, als mir der erste Unter­schied einfällt: Ich trage Schuhe, die Yaga nicht. Kei­ne Ahnung, warum Grove und Martina sich vor Lachen kugeln und später auch noch den Rest des Teams damit erheitern müssen!

Danach sitzen wir am Feuer und essen und trinken. Mein Blick wird von den Flammen angezogen und plötzlich fühle ich, wie die Trance wiederkehren will. Nix da, sagt Grove, kneift mich fest in den Arm und beginnt, den Kreis aufzulösen. Die Kräfte des Feu­ers, die mich immer noch vibrieren las­sen, entlasse ich selbst. Danach begleiten Martina und Grove mich zum Was­ser­fall und ich genieße die kühle Erfrischung. Schon die ganze Zeit seit dem Ende des Rituals habe ich Wasser getrunken, es sind zu Groves ehr­fürch­ti­gem Staunen mehr als zwei Liter – eine nicht nur körperliche Feuer­lösch­ak­tion! Danach noch ein bisschen Rumhängen mit dem Team, dann geht’s ins Bett.

Ob­wohl ich total erledigt bin, finde ich in dieser Nacht keinen Schlaf. Bil­der verbrannter Frauen steigen in mir auf, ich stehe selbst in Flammen und klage, schreie, weine. All die verbrannten Schwestern, Freundinnen,
Gelieb­ten… Mittendrin Baba Yagas loderndes Gesicht, zugleich vertraut und furchteinflößend. Auch dieses Gesicht war einmal jung und schön, zu lange her, jetzt ist sie alt, bitter, streng. Schmerz, Zorn und Angst arbeiten in mir. Was tun wir eigentlich, wenn wir das Feuer suchen? Was wissen wir denn überhaupt vom Feuer? Ist unser Umgang mit der Geschichte (im doppelten Sin­ne) nicht viel zu naiv? Bedenkt, was ihr euch wünscht… Es dauert lange, bis die Bilder zur Ruhe kommen.

Am nächsten Morgen haben mehrere Frauen das Bedürfnis, sich zu vergewis­sern, dass ich tatsächlich wieder Donate bin. Auch ich selbst habe dieses Bedürfnis. Das Tanzen vor dem Frühstück hilft, wieder ganz in den Körper zu finden. Beim Frühstück bin ich soweit aufnahmefähig, dass ich mir erzählen lassen kann, was in der Zeit meines Blackouts im Ritual passiert ist. Ich finde es ziemlich gruselig zu hören, wie die Yaga durch mich gerufen hat, mit einer Stimme, von der ich an diesem Morgen mehrfach höre, dass sie nicht wie meine eigene geklungen habe. Vieles von dem Erzählten erinnert mich an meine Bilder von letzter Nacht. Imagination mit Zeitverzögerung? Einige Frau­en sagen, dass sie die toten Schwe­stern der Yaga ge­spürt oder gesehen ha­­ben. Liz hat beim Ankern ein Bild von dunklen, aufsteigenden Schatten wahr­genommen. Später schreibt mir Starhawk, dass sie viel über diese Nacht nach­gedacht hat und dass sie im Vermont Camp große Schwie­rigkeiten mit einer sehr zornigen Baba Yaga in aspect hatte. Da war sie es, die an­schließend eine schlaf­lo­­se Nacht verbrachte. Was haben wir da wachgeru­fen? Was ist ge­kom­men? Was hat diese Warnung der Yaga vor dem Feuer zu be­deuten? Und wo war “ich” wäh­rend dieser ganzen Zeit?

Als Star und ich den Morgenunterricht beginnen, fühle ich mich immer noch ziemlich schlapp und bitte sie, statt meiner die Erdung zu sprechen. Sie kommt diesem Wunsch so liebevoll und zugewandt nach und gestaltet die Er­dung so einfühlsam, dass sich nicht nur in mir, sondern auch in der Gruppe die Energie ins Gleichmaß zu schwingen beginnt. Ich bin vol­ler Dankbarkeit und Erleichterung, dass ich mich jetzt wieder kon­zentrieren kann und mit der Arbeit beginnen kann. —

Vor diesem Ritual ist es noch nie vorgekommen, dass ich beim Aspektieren den Kontakt mit meinem “beobachtenden Selbst” ver­loren habe. Wohl kenne ich ein ähnliches Gefühl des Selbstver­lustes bei der Anwendung von Ekstasetechni­ken, insbesondere in der Sexualmagie, und zweimal ist es beim spontanen (un­­­­geplanten und erschreckenden) Rapport mit mir sehr wichtigen Verstor­be­nen aufgetreten, aber noch nie, und schon gar nicht so lange, beim Aspek­tie­­ren im ge­schütz­ten Kreis. Diese Erfahrung ist überwältigend, und sie macht mich sehr nachdenklich über die Chancen, Grenzen und Risiken un­se­rer Aspektie­rungs­tech­­niken.

Inzwischen habe ich erfahren, dass es in England seit 150 Jah­ren eine spi­ri­tuelle Schule gibt, die sich mit me­dialen An­dersweltkontakten beschäftigt und die angemessene Techniken dafür entwickelt und erprobt hat. Ich glaube, einer der nächsten Schritte auf dem Weg meines magi­schen Lernens wird mich nach England führen.

***************************************************************************

Nachbemerkung 2018: Ich besuchte tatsächlich einige Kurse im Arthur Findlay College für Spiritualismus und Parawissenschaften in Stansted Hall in Stansted Mountfitchet, Essex, und habe von den dort gelehrten Techniken und Methoden viel gelernt.

 

[1] Über meine Lehrjahre bei Starhawk habe ich einen eigenen Artikel geschrieben: Being a Good Pagan. Magische Lehrjahre bei Starhawk, erhältlich auf meiner Publikationsseite Vanadis-Texte. https://www.vanadis.org/dr-donate-pahnke-mcintosh/artikel-articles/.

[2] All diese Lieder und noch viele mehr stehen in meinem Ritualliederbuch Wir sind ein Kreis. Die schönsten Rituallieder in deutscher Sprache. https://www.vanadis.org/dr-donate-pahnke-mcintosh/b%C3%BCcher-books/wir-sind-ein-kreis/.